Ein Bericht von Hannah K.
Ein Strohballen, ein Pfeil, ein über zwei Meter großer Bogen: Wie sich der erste Schuss beim japanischen Bogenschießen in Düsseldorf anfühlt.
Tock. Ein kleines, fast unscheinbares Geräusch. Aber als sich der Pfeil ins Makiwara bohrt – einen runden, erhöht aufgestellten Strohballen – passiert was mit einem: Stolz, getroffen zu haben. Erleichterung, niemanden verletzt zu haben, sich selbst eingeschlossen. Und diese Euphorie des Moments, auf den über den ganzen Tag hinweg hingearbeitet wurde.
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Die Geschichte des Bogenschießens ist fast so alt wie die der Menschheit – schon in der Steinzeit jagten unsere Vorfahren mit Pfeil und Bogen, im Kampf zählte die Waffe lange zu den effektivsten auf Distanz. Kyudo, das japanische Bogenschießen, hat heute einen eher zeremoniellen, fast meditativen Charakter – auch wenn es Wettkämpfe gibt, bei denen das Treffen im Vordergrund steht. Wie Feliks F. Hoff in seinem Buch „Kyudo – Die Kunst des japanischen Bogenschießens“ beschreibt, geht es allen Kyudoka darum, „mittels einer schönen und exakten Kunst durch Übung den Frieden des Herzens gewinnen zu wollen“. Das nennt sich „der Weg des Bogens“.
Doch der Reihe nach. Sonntagmorgen, am Aderdamm in Düsseldorf. Auf 11.000 Quadratmetern befindet sich hier das Vereinsgelände des Kyudo-Vereins Düsseldojo, seit Januar in Eigenregie verwaltet. Vor dem Gebäude warten einige der über 50 Mitglieder und ein paar Neulinge, die gleich zum ersten Mal einen Yumi in die Hand nehmen werden – einen der überlebensgroßen japanischen Bögen.
Warum man hier landet? Die Gründe sind so unterschiedlich wie die Mitglieder der Anfänger-Gruppe selbst. Manche fasziniert die japanische Kultur, andere haben beim Spazierengehen die schwarz-weiß gekleideten Schützen beobachtet und wollten wissen, was hier passiert. Wieder andere wollen einfach einmal solch einen riesigen Bogen spannen.
Johannes Maringer, erster Vorsitzender und Gründer des Kyudo-Vereins, leitet den Tag an – mit über 30 Jahren Kyudo-Erfahrung und einem Doppel-Europameister-Titel (Schweden 2008) im Gepäck. „Als ich angefangen habe, gab es in Deutschland knapp 500 Kyudoka“, erinnert er sich. „Also etwa ein Drittel der heutigen Anzahl.“
Gomuyumi, Mato und Makiwara: Vokabeln aus dem Dojo
Gemeinsam mit dem Lehrmeister, der gut an seinen gestreiften Beinkleidern zu erkennen ist, geht es ins 6-Mato-Dojo mit Sand-Azuchi. Mato heißen die runden Ziele auf dem Sandwall. Geschossen wird über 28 Meter. Bevor man auch nur in die Nähe eines echten Bogens kommt, steht einiges auf dem Plan. Erfahrene Mitglieder führen das zeremonielle Vorschießen (Yawatashi) vor. Danach folgen Etikette, Grundlagen, die Bewegungsform Taihai – und Übungen mit der Gummizwille Gomuyumi. Schon hier ahnen ungeübte Handflächen, welche Kräfte gleich wirken werden.
Darüber hinaus ist Kyudo aber noch viel mehr als das Schießen eines Pfeils. Es geht um den Respekt voreinander und vor allem auch um die Dojo-Etikette. Wie die Verneigung beim Betreten des Dojos, gerichtet zur Kamiza – dem Platz mit dem kleinen Altar und dem Foto von Meister Inagaki Genshiro Yoshimichi. Und die Regel, im Sitzen niemals die Fußsohlen zu zeigen. Oder die Kunst, einander Bogen und Pfeile so zu reichen, dass das Gegenüber sie sofort richtig greifen kann. Respekt und Geduld – sie sind hier keine Floskeln, sondern gelebte Praxis.
Maringer führt mit ruhiger Hand durch den Tag, hier und da auch mit einer klaren Anweisung. „Jeder bringt unterschiedliche Qualitäten mit, der Rest muss weiterentwickelt werden“, sagt er. „Das ist alles Übungssache. Irgendwann muss man so weit sein, dass man auch nachts aus dem Schlaf gerissen werden und sofort den Pfeil anlegen könnte.“
Der finale Schuss
Wie weit dieser Weg ist, zeigt sich beim zweiten, finalen Schuss aufs Makiwara. Wie war noch gleich die richtige Handhaltung? Wie muss der Bogen über den Kopf gehoben und wann gespannt werden? Was macht man nochmal mit den Füßen? Und dabei bitte nicht das Atmen vergessen. Sitzt der erste Schuss noch erstaunlich gut, geht der zweite kläglich daneben – ins Auffangnetz hinter dem Ziel. Vielleicht hat der kleine Erfolg die Konzentration wanken lassen. Vielleicht sind es die zehn Kilo Zuglast des Übungsbogens, die eben noch leicht wirkten und jetzt plötzlich in den Armen zittern. Schlimm ist das nicht. Es ist eben noch kein Meisterbogenschütze vom Himmel gefallen.
Zwei weitere Anfängerkurse stehen dieses Jahr noch an. Danach kann jeder Teilnehmer entscheiden, ob er dem Verein beitritt. Die Entscheidung sollte wohlüberlegt sein: Wer mit Kyudo beginnt, verschreibt sich dem Sport – und seiner Haltung. Und günstig ist das
nicht. Ein in Japan gefertigter Bambusbogen kostet über 1000 Euro, der lederne Handschuh, das Herzstück beim Kyudo, mehrere hundert. Im ersten Jahr aber genügt das Vereins-Equipment.
Und das Düsseldojo hat große Pläne: Ein Kyudojo nach dem Vorbild des Shiseikan, der Budo-Halle auf dem Gelände des berühmten Meiji-jingū in Tokio, soll in Düsseldorf entstehen. Johannes Maringer bemüht sich derzeit um eine Förderung für Sportstätten. Ob man sich am Ende selbst als Kyudoka sieht? Diese Frage muss jeder im Stillen für sich beantworten. Vielleicht beim nächsten Tock.