Ein Bericht von Robin G.
Nachdem es im letzten Jahr in Magglingen für mich nicht zum 3. Dan gereicht hatte, stellte ich mich dieses Jahr erneut der Prüfung. Gemeinsam mit Peter reiste ich nach Frankfurt. Doch bevor es wirklich ernst wurde, genossen wir am Abend vor unserer Prüfung noch ein gemütliches Abendessen in kleiner Runde mit Alina, Martha und Marin. Die gemeinsamen Aktivitäten mit anderen Vereinsmitgliedern und auch mit weiteren Teilnehmenden gehören für mich bei solchen Reisen fast immer zu den schönsten Momenten.
Über drei Tage hinweg wurden mehr als 500 europäische Teilnehmende von über zehn Prüferinnen und Prüfern aus Europa und Japan geprüft. Schon daran wurde deutlich, welche Größe und Bedeutung dieses internationale Shinsa hatte.
Frisch gestärkt ging es später wegen der fortgeschrittenen Zeit schon bald zurück in unsere Unterkunft. Da wir an den folgenden Tagen außerdem als Helfer bei den weiteren Prüfungen mitwirkten, hatten Peter und ich das Glück, im selben Gebäude wie die Veranstaltung des Landessportbundes Hessen übernachten zu können. Trotzdem war die Nacht gefühlt kaum begonnen, da war sie auch schon wieder vorbei, und der Prüfungstag stand vor der Tür.
Nach der Anmeldung begann die Veranstaltung mit einem Yawatashi von Osumi Masanari, 8. Dan Kyoshi. Für uns war das zugleich eine seltene Gelegenheit, die Halle zu sehen, in der wir später selbst geprüft werden würden, denn die Prüfung fand ohne Zuschauer statt und wir hätten sonst keinen Zugang gehabt. Danach ging es an die letzten Vorbereitungen. Die meisten von uns waren in die ersten Tachis eingeteilt. Das verkürzte zwar die nervöse Wartezeit, nahm der Situation aber kaum etwas von ihrer Anspannung. Wegen einiger Ausfälle vor mir hatte ich sogar die Ehre, mein Tachi als Omai anführen zu dürfen. Schnell fanden sich die Tachis zusammen, und in den letzten Minuten wurden noch kleine Details besprochen, Blicke ausgetauscht und Gedanken sortiert.
Irgendwann war es dann so weit. Die Tür zur Prüfungshalle öffnete sich, und die ersten drei Tachis verschwanden dahinter. Und dann passierte erst einmal nichts. Nicht nur wir warteten vor der Tür auf den eigentlichen Beginn unserer Prüfung, sondern offenbar auch die Prüflinge in der Halle. Gerade diese Ungewissheit zog die Zeit ins Endlose. Dann öffnete sich die Tür plötzlich wieder, das erste Tachi kam heraus, und das Tachi vor uns ging hinein. In diesem Moment war allen klar: Jetzt dauert es nicht mehr lange. Handschuhe wurden angezogen, das Fudeko ging noch einmal nervös von Hand zu Hand, letzte Blicke auf Pfeile und Bogen wurden geworfen, letzte leise Hinweise gegeben.
Als das zweite Tachi die Halle verließ, bekamen wir das Signal zum Betreten. Während das dritte Tachi noch in der Prüfung war und das vierte Tachi vor uns nur noch wenige Minuten bis zu seinem Auftritt hatte, legten wir unsere Bögen und Pfeile ab, setzten uns hin und warteten. In der Halle herrschte eine disziplinierte Stille, wie ich sie wahrscheinlich noch nie erlebt hatte. Selbst ohne Sicht auf die Zielscheiben konnte man Treffer und Fehlschüsse deutlich hören. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, bei Alina und Kirsten mitzuzählen, um wenigstens zu wissen, ob sie getroffen hatten oder nicht. Aber ich war so sehr mit mir selbst und mit dem, was unmittelbar bevorstand, beschäftigt, dass ich kaum bewusst wahrnahm, wie sie als drittes Tachi den Shajo betraten und wieder verließen. Ehe ich mich versah, bekamen wir bereits das Zeichen zum Vorbereiten.
Mein Puls hatte mehr Einfluss auf mein Tempo, als mir lieb war. Etwas schneller als sonst, aber dennoch gleichmäßig, ging es los. Ich war völlig auf mich selbst konzentriert. Zwar nahm ich vieles um mich herum wahr, doch alles, was für mich als Omai in diesem Moment nicht entscheidend war, blendete ich sofort wieder aus. Mein Taihai war aus meiner Sicht solide, und dann kam der erste Schuss. Treffer! In diesem Augenblick fiel innerlich eine riesige Last von mir ab. Und trotzdem wusste ich sofort: Das war kein guter Schuss. Ich bin mir nicht sicher, nach welchen Maßstäben man mein Nobiai genau bewerten müsste, aber gut war es auf keinen Fall. Einerseits war da die große Erleichterung über den Treffer, den ich für den 3. Dan unbedingt brauchte. Andererseits war ich gedanklich schon beim zweiten Pfeil und bei der Frage, was ich verbessern musste. Also kniete ich wieder ab. Dabei bemerkte ich nicht einmal, dass mein Knie, das ich mir ein paar Tage zuvor verletzt hatte, in diesem Moment überhaupt nicht schmerzte. Erst später wurde mir bewusst, dass man Schmerzen manchmal tatsächlich einfach vergessen kann. Wäre das doch immer so einfach.
Dann bereitete ich meinen zweiten Pfeil vor. Dieser Schuss fühlte sich besser an als der erste und war ebenfalls ein Treffer. Und doch blieb er für mich merkwürdig ungreifbar. Während ich den ersten Pfeil noch halbwegs einschätzen konnte, war der zweite für mich fast wie eine Blackbox. War er wirklich besser? Hatte ich die Punkte, die ich beim ersten Schuss selbst kritisiert hatte, tatsächlich verbessert? Ich wusste es nicht. Also ging es hinaus, und das Warten begann. Schnell wurde klar, dass sich von uns sieben nur drei überhaupt Hoffnungen auf den 3. Dan machen konnten. Von da an schien die Zeit noch einmal langsamer zu vergehen.
Nach zwei weiteren Stunden des Wartens und des Planens unseres restlichen Nachmittags in Frankfurt war schließlich auch Peter an der Reihe, als Letzter von uns an diesem Tag. Kaum war er in der Halle verschwunden, tauchten auch schon unsere Ergebnisse auf. Tatsächlich: Ich hatte es geschafft. Und nicht nur ich durfte mich freuen, auch Alina hat ihren 3. Dan bestanden. Noch ganz erfüllt von dieser Freude kam Peter wieder aus der Halle. Ein Kopfschütteln, nur einer von zwei notwendigen Treffern. Also machten wir uns trotzdem gemeinsam eine schöne Zeit, schauten uns Frankfurt an, und plötzlich war es gar nicht mehr so wichtig, wer bestanden hatte und wer nicht.
Doch der Tag hielt noch eine weitere Überraschung bereit. Peter hatte seine Prüfung zum 4. Dan bestanden. Anders als er selbst gedacht hatte, war sein zweiter Pfeil nicht knapp daneben gegangen, sondern in der Scheibe gelandet. Und so endete der Tag nach einigen Höhen und Tiefen doch noch mit einem echten Höhepunkt.
An den folgenden Tagen hatte ich dann gemeinsam mit Peter und zwei Nachzüglern aus unserer Gruppe die Möglichkeit, die Seiten zu wechseln, und war als Helfer bei den Prüfungen im Einsatz. Den ganzen Tag über war ich in der Halle und konnte den anderen Prüflingen mal mehr, mal weniger zuschauen, je nachdem, was gerade zu tun war. Aber auch aus dieser Perspektive hat mich die ruhe tief beeindruckt. Aus 28 Metern Entfernung im Azuchi konnte man nicht nur die Abschüsse klar hören, sondern auch das Schleifen der Füße auf dem Boden, wenn sich die Prüflinge durch die Halle bewegten, und manchmal sogar das leise Rascheln ihrer Kleidung. Die Atmosphäre war dabei eine ganz andere als am Vortag. Ich selbst war weit entfernt von meiner eigenen Prüfungsanspannung, und doch war die Nervosität der Prüflinge in der Luft deutlich spürbar. Immer wenn mich einer von ihnen ansah, versuchte ich, mit einem Lächeln und einem aufmunternden Nicken wenigstens ein kleines bisschen Ruhe und Zuversicht zurückzugeben.
Obwohl Kyudo ein sehr langsamer Sport ist, bleibt bei einer solchen Prüfung kaum Zeit zum Durchatmen. Abgesehen von der Mittagspause war man ständig beschäftigt und selbst als Helfer innerlich aufmerksam und angespannt. Besonders bei Steffie habe ich mitgefiebert, da sie im Gegensatz zu uns anderen erst an diesem Tag ihre Prüfung hatte. Auch wenn ich nicht alles lückenlos verfolgen konnte, habe ich mich umso mehr gefreut, dass auch sie ihren 3. Dan bestanden hat.
Ich gratuliere allen Prüflingen, die bestanden haben, von Herzen und wünsche allen anderen viel Erfolg beim nächsten Mal. Ebenso möchte ich mich bei allen Helfern an meinem Prüfungstag bedanken. Ihr habt einen großartigen Job gemacht. Mein besonderer Dank gilt auch Nadine als Organisatorin der Veranstaltung. Ich habe mich sowohl als Prüfling als auch als Helfer jederzeit sehr gut aufgehoben gefühlt. Danke auch an meinen Trainer.